Buchempfehlungen zu diesem Thema
*Spielintelligenz im Fußball - kindgemäß trainieren und *Der neue Kinderfussball zeigt eindrucksvoll, wie das komplizierte Fußballspiel mit einem altersgerechten und spielorientierten Training in vier verschiedenen Entwicklungsstufen und einem neuen Wettspielmenü, das auch die Spielintelligenz Schritt für Schritt fördert, perfekt an die geistigen und körperlichen Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen angepasst werden kann.
Die 12 größten Fehler im Kinderfußball
Was Trainer und Eltern unbedingt wissen sollten
Kinderfußball ist kein Erwachsenenfußball in klein. Trotzdem werden Trainingsmethoden, Ergebnisdenken, taktische Vorgaben und Erwartungen aus dem Erwachsenenfußball immer wieder auf Kinder übertragen.
Trainer geben nahezu jede Entscheidung vor. Die vermeintlich stärksten Spieler bekommen mehr Spielzeit. Körperlich weiter entwickelte Kinder erscheinen automatisch talentierter. Bereits sehr junge Spieler werden auf Positionen festgelegt. Eltern coachen zusätzlich von außen.
Fast immer steckt dahinter eine gute Absicht.
Trainer möchten ihre Mannschaft verbessern. Eltern möchten ihrem Kind helfen. Vereine möchten Talente entwickeln.
Doch gut gemeint ist im Kinderfußball nicht automatisch gut gemacht.
Kinder befinden sich körperlich, motorisch, kognitiv und emotional mitten in ihrer Entwicklung. Sie brauchen deshalb Gelegenheiten zum Spielen, Wahrnehmen, Entscheiden, Ausprobieren, Scheitern, Wiederholen und Verbessern.
Auch die aktuellen Kinderfußballkonzepte des Deutschen Fußball-Bundes verfolgen genau diese Richtung: kleinere Teams, mehr individuelle Ballaktionen, mehr Beteiligung, Rotation und mehr selbstständige Entscheidungen der Kinder. [Q1]
In diesem Artikel betrachten wir deshalb zwölf besonders häufige Fehler im Kinderfußball – und vor allem die Frage:
Was können Trainer und Eltern stattdessen besser machen?
Die 12 größten Fehler im Kinderfußball auf einen Blick
Das Ergebnis wichtiger nehmen als die Entwicklung
Kinder permanent von außen steuern
Jeden Fehler sofort korrigieren
Zu viel organisieren und zu wenig spielen lassen
Den vermeintlich Schwächeren weniger Spielzeit geben
Kinder zu früh auf Positionen festlegen
Körperliche Überlegenheit mit Talent verwechseln
Zu glauben, dass mehr organisiertes Training automatisch besser ist
Alle Kinder exakt gleich behandeln
Zu früh Erwachsenen-Taktik vermitteln
Eltern zum zweiten Trainer machen
Spaß und Leistungsentwicklung als Gegensätze betrachten
Viele dieser Fehler besitzen einen gemeinsamen Ursprung:
Wir betrachten Kinderfußball zu häufig durch die Augen von Erwachsenen.
Schauen wir genauer hin.
1. Das Ergebnis wichtiger nehmen als die Entwicklung
Zunächst muss mit einem Missverständnis aufgeräumt werden:
Kinder dürfen gewinnen wollen.
Sie dürfen jubeln.
Sie dürfen ehrgeizig sein.
Sie dürfen sich über Niederlagen ärgern.
Wettbewerb gehört zum Fußball.
Problematisch wird es erst, wenn Erwachsene ihre Ausbildungsentscheidungen dauerhaft dem Ergebnis unterordnen.
Dann passiert beispielsweise Folgendes:
Die aktuell stärksten Kinder spielen besonders lange.
Schwächere Spieler bekommen weniger Einsatzzeit.
Der körperlich dominante Spieler bekommt ständig den Ball.
Riskante spielerische Lösungen werden untersagt.
Kinder werden früh auf ihre vermeintlich beste Position festgelegt.
Ein langer Ball wird einer spielerischen Lösung vorgezogen, weil er kurzfristig erfolgreicher erscheint.
Damit kann eine Mannschaft möglicherweise mehr Spiele gewinnen.
Doch entwickelt sie deshalb langfristig bessere Fußballer?
Nicht zwangsläufig.
Der DFB trennt in seinem Kinderfußballkonzept deshalb bewusst zwischen Wettbewerb und zusätzlichem Ergebnisdruck. In der G- und F-Jugend werden keine Meisterschaftsrunden ausgespielt. Gewonnen und verloren wird trotzdem. [Q1]
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Kinder dürfen ergebnisorientiert spielen. Erwachsene sollten entwicklungsorientiert handeln.
Nach einem Spiel sollte die wichtigste Frage eines Kindertrainers deshalb nicht ausschließlich lauten:
„Haben wir gewonnen?“
Interessanter sind Fragen wie:
Haben alle Kinder ausreichend gespielt?
Hatten sie viele Aktionen?
Haben sie mutige Entscheidungen getroffen?
Haben sie versucht, Probleme selbst zu lösen?
Was haben sie heute gelernt?
Ein 6:0-Sieg kann aus Ausbildungssicht wenig wertvoll sein.
Eine 2:3-Niederlage kann voller wertvoller Lernerfahrungen stecken.
2. Der Trainer spielt mit seiner Stimme für die Kinder
Eine typische Szene:
Ein Kind bekommt den Ball.
Sofort ertönt:
„Dreh dich!“
„Spiel!“
„Links!“
„Geh!“
„Schieß!“
„Zurück!“
Vielleicht kommt von außen noch ein Elternteil hinzu:
„Spiel außen!“
Das Kind besitzt den Ball.
Aber besitzt es noch die Entscheidung?
Fußball ist ein Entscheidungsspiel.
Ein Spieler muss permanent Informationen aufnehmen:
Wo sind meine Gegner?
Wo befinden sich meine Mitspieler?
Wo entsteht freier Raum?
Kann ich dribbeln?
Kann ich passen?
Kann ich abschließen?
Was könnte nach meiner Aktion passieren?
Wenn Trainer Antworten ständig vorwegnehmen, lösen sie einen Teil dieser Aufgaben für das Kind.
Das bedeutet nicht, dass Trainer nicht coachen sollen.
Entscheidend sind Art und Zeitpunkt des Coachings.
Eine sportwissenschaftliche Arbeit von Otte und Kollegen beschäftigt sich ausführlich mit Feedback und Instruktionen im Sport. Ein wichtiger Gedanke dabei ist, den Sportler aktiv in die Lösung von Bewegungs- und Leistungsproblemen einzubeziehen, statt sämtliche Lösungen ausschließlich verbal vorzugeben. [Q4]
Auch der DFB möchte durch seine kleinen Spielformen Selbstständigkeit fördern und die Einflussnahme von Trainern und Eltern während des Spiels reduzieren. [Q1]
Statt während einer Aktion:
„Spiel links!“
könnte anschließend beispielsweise gefragt werden:
„Welche Möglichkeiten hattest du?“
„Was hast du gesehen?“
„Wo war noch Raum?“
Damit beginnt das Kind selbst über Fußball nachzudenken.
Wenn der Trainer jede Entscheidung übernimmt, nimmt er dem Kind einen Teil der Gelegenheit, Entscheidungen zu lernen.
3. Jeden Fehler sofort korrigieren
Ein Kind versucht ein Dribbling.
Ballverlust.
Ein Kind spielt einen riskanten Pass.
Fehlpass.
Ein Kind schießt, obwohl ein Mitspieler frei steht.
Chance vergeben.
Kinder machen Fehler.
Das müssen sie dürfen.
Die entscheidende Frage lautet nicht:
Wie verhindern wir möglichst jeden Fehler?
Sondern:
Was kann das Kind aus dieser Situation lernen?
Dabei sollte man nicht in das andere Extrem verfallen.
„Je mehr Fehler, desto besser“ wäre genauso falsch.
Motorisches Lernen ist komplex. Aufgaben, Lernstände und Fehlerarten benötigen unterschiedliche Formen der Rückmeldung. Auch die Forschung zur Feedbackgestaltung zeigt entsprechend, dass es nicht die eine perfekte Feedbackmethode für jede Situation gibt. [Q4]
Trainer sollten deshalb zunächst unterscheiden:
War die Entscheidung problematisch?
Das Kind hat beispielsweise einen freien Mitspieler überhaupt nicht wahrgenommen.
Oder war die Entscheidung gut, aber die Ausführung schlecht?
Der freie Spieler wurde erkannt, der Pass aber technisch unsauber ausgeführt.
Das ist ein großer Unterschied.
Wer ausschließlich das Ergebnis einer Aktion bewertet, kann eine eigentlich gute Entscheidung bestrafen.
Deshalb:
Beobachten → verstehen → gezielt helfen.
Statt:
„Was machst du denn da?!“
kann eine einfache Frage reichen:
„Was wolltest du versuchen?“
Fehler sind nicht automatisch schlechtes Training. Entscheidend ist, was ein Kind daraus lernt.
4. Zu viel organisieren und zu wenig spielen lassen
Zwölf Hütchen.
Vier Stangen.
Eine Koordinationsleiter.
Ein komplizierter Parcours.
15 Kinder stehen hintereinander.
Eines läuft los.
Dribbling.
Pass.
Torschuss.
Ball holen.
Hinten anstellen.
Das Training sieht hervorragend organisiert aus.
Aber stellen wir andere Fragen:
Wie lange ist jedes einzelne Kind tatsächlich aktiv?
Wie viele Ballaktionen erlebt es?
Wie viele Entscheidungen trifft es?
Wie häufig handelt es unter Gegnerdruck?
Wie lange wartet es?
Genau hier setzt die „Trainingsphilosophie Deutschland“ des DFB an.
Der Verband nennt drei zentrale Qualitätsmerkmale:
Freude – Intensität – Wiederholung.
Standzeiten sollen reduziert und möglichst viele individuelle Aktionen ermöglicht werden. Kleine Spielformen besitzen dabei einen hohen Stellenwert. [Q2]
Auch wissenschaftlich gibt es Unterstützung für den Einsatz sogenannter Small-Sided Games. Eine systematische Übersichtsarbeit von Fernández-Espínola und Kollegen wertete 47 Studien aus und beschreibt kleine Spielformen als sinnvolles methodisches Instrument im Nachwuchssport. [Q3]
Das bedeutet ausdrücklich nicht:
Nur noch spielen und niemals Technik trainieren.
Technische Übungsformen besitzen selbstverständlich ihre Berechtigung.
Aber Fußballtechnik muss irgendwann im Spiel funktionieren.
Und dort existieren:
Gegner,
Mitspieler,
Räume,
Zeitdruck,
ständig wechselnde Situationen,
Entscheidungen.
Ein Pass ohne Gegner ist nicht dasselbe wie ein Pass, bei dem ein Kind zunächst erkennen muss, ob, wann und wohin es spielen sollte.
Die entscheidende Trainerfrage lautet deshalb:
Wie viele wertvolle Fußballaktionen erlebt jedes einzelne Kind in meiner Trainingseinheit?
5. Den vermeintlich Schwächeren weniger Spielzeit geben
Der beste Spieler erhöht die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen.
Also spielt er länger.
Das aktuell schwächere Kind sitzt häufiger draußen.
Aus kurzfristiger Ergebnissicht erscheint das nachvollziehbar.
Aus Entwicklungssicht entsteht jedoch ein Widerspruch:
Ausgerechnet das Kind, das mehr Erfahrungen benötigt, bekommt weniger Möglichkeiten, Erfahrungen zu sammeln.
Spielzeit ist nicht einfach eine Belohnung.
Spielzeit ist Lernzeit.
Im Spiel erlebt ein Kind:
Gegnerdruck,
Entscheidungen,
Emotionen,
Verantwortung,
Erfolg,
Misserfolg,
Umschaltmomente,
unvorhersehbare Situationen.
Genau deshalb enthält das aktuelle DFB-Kinderfußballformat Rotationsprinzipien, die eine hohe Beteiligung aller Kinder unterstützen sollen. [Q1]
Ein problematischer Kreislauf kann ansonsten so aussehen:
Kind aktuell etwas schwächer
↓
weniger Spielzeit
↓
weniger Spielerfahrung
↓
möglicherweise langsamere Entwicklung
↓
Leistungsunterschied bleibt bestehen
↓
weiterhin weniger Spielzeit
Trainer sollten diesen Mechanismus kennen.
Das bedeutet nicht, dass in jedem Alter und jedem Wettbewerb jede einzelne Minute mathematisch exakt identisch verteilt werden muss.
Aber gerade im Grundlagenbereich sollte es sehr gute Gründe geben, wenn einzelne Kinder dauerhaft erheblich weniger Fußball spielen dürfen als andere.
6. Kinder zu früh auf Positionen festlegen
„Du bist Innenverteidiger.“
„Du bist Stürmer.“
„Du bist Torwart.“
Im Erwachsenenfußball normal.
Bei sehr jungen Kindern sollten solche Festlegungen vorsichtiger erfolgen.
Denn unterschiedliche Positionen erzeugen unterschiedliche Fußballprobleme.
Ein Verteidiger muss beispielsweise lernen:
Spiel eröffnen,
Raum verteidigen,
Gegner stellen,
richtige Abstände herstellen.
Ein zentraler Spieler erlebt häufiger:
Druck aus mehreren Richtungen,
Vororientierung,
Anschlussaktionen,
Entscheidungen auf engem Raum.
Ein offensiver Spieler:
Eins-gegen-eins,
Tiefenläufe,
Torabschluss,
Bewegungen vor dem Tor.
Je vielseitiger die Erfahrungen, desto breiter kann das fußballerische Fundament werden.
Auch der DFB stellt bei seinen jüngsten Altersklassen vielfältige Bewegungserfahrungen stärker in den Mittelpunkt als frühe positionsspezifische Ausbildung. [Q1]
Unser Grundsatz:
Im Kinderfußball bilden wir zunächst Fußballer aus – keine Positionen.
Natürlich darf ein Kind sagen:
„Ich spiele am liebsten Sturm.“
Das ist etwas völlig anderes als:
„Du bist Stürmer und spielst deshalb immer dort.“
7. Körperliche Überlegenheit mit langfristigem Talent verwechseln
Zwei Kinder spielen U11.
Beide gehören offiziell derselben Altersklasse an.
Spieler A ist:
größer,
kräftiger,
schneller,
körperlich weiter entwickelt.
Spieler B ist:
kleiner,
leichter,
körperlich weniger weit entwickelt.
Spieler A kann momentan deutlich dominanter wirken.
Doch bedeutet das automatisch, dass er langfristig das größere Fußballtalent besitzt?
Nein.
Hier müssen Trainer zwei wichtige Phänomene kennen:
Relatives Alter
Zwischen einem Anfang Januar und einem Ende Dezember geborenen Kind desselben Auswahljahrgangs kann nahezu ein komplettes Lebensjahr liegen.
Gerade in jungen Altersklassen kann dieser Unterschied relevant sein.
Biologische Reife
Zusätzlich entwickeln sich Kinder körperlich unterschiedlich schnell.
Chronologisches Alter und biologischer Entwicklungsstand sind deshalb nicht dasselbe.
Eine Untersuchung von Hill und Kollegen analysierte 202 Spieler der Altersklassen U9 bis U16 einer englischen Profiakademie über acht Jahre.
54,8 Prozent der beobachteten Spieler waren im ersten Quartal des Auswahljahres geboren. Zusätzlich fanden die Forscher in bestimmten Altersgruppen Selektionsverzerrungen hinsichtlich des Reifestatus. Wichtig ist dabei die Schlussfolgerung der Autoren, relatives Alter und biologische Reife als unterschiedliche Faktoren zu betrachten. [Q5]
Daraus darf ausdrücklich nicht geschlossen werden:
„Früh geborene Kinder sind schlechter.“
Oder:
„Spätentwickler werden später automatisch besser.“
Beides wäre wissenschaftlich nicht haltbar.
Die entscheidende Erkenntnis lautet vielmehr:
Aktuelle Leistung und langfristiges Potenzial sind nicht dasselbe.
Eine umfangreiche Arbeit von Güllich und Kollegen zur frühen Talentförderung unterstreicht ebenfalls, wie vorsichtig frühe Nachwuchsleistung als Prognose für spätere Spitzenleistung interpretiert werden muss. [Q6]
Trainer sollten deshalb nicht nur fragen:
„Wer ist aktuell der Beste?“
Sondern:
„Warum ist dieser Spieler aktuell besser?“
Wegen:
Technik?
Spielverständnis?
Wahrnehmung?
Entscheidungsverhalten?
Koordination?
Lernfähigkeit?
Erfahrung?
Motivation?
oder teilweise körperlicher Entwicklung?
Diese Unterscheidung gehört zu den schwierigsten Aufgaben guter Talentförderung.
WICHTIG: Aktuelle Leistung ist nicht gleich langfristiges Potenzial
Ein Kind kann heute aufgrund körperlicher Entwicklung dominieren und später eingeholt werden.
Ein anderes Kind kann heute körperlich unterlegen sein und später aufholen.
Beides kann passieren – nichts davon ist garantiert.
Genau deshalb sollte Talentbeurteilung niemals ausschließlich eine Momentaufnahme sein.
8. Zu glauben, dass mehr organisiertes Training automatisch besser ist
Montag Verein.
Dienstag Techniktrainer.
Mittwoch Verein.
Donnerstag Athletiktraining.
Freitag Fördertraining.
Samstag Spiel.
Sonntag Fußballschule.
Sieht nach maximaler Förderung aus.
Doch:
Mehr Training bedeutet nicht automatisch mehr Entwicklung.
Wissenschaftlich muss hier zwischen sportlicher Aktivität und früher Sportspezialisierung unterschieden werden.
Ein Kind kann sehr viel Sport treiben und trotzdem vielseitig aktiv sein.
Eine 2025 veröffentlichte Rapid Review untersuchte 93 Studien mit insgesamt 62.327 jungen Athleten.
Die ausgewertete Literatur brachte frühe Spezialisierung unter anderem mit höherem Verletzungsrisiko sowie ungünstigen funktionellen, körperlichen und psychologischen Ergebnissen in Zusammenhang. Einen generellen Vorteil für späteren sportlichen Erfolg durch möglichst frühe Spezialisierung zeigte die Review nicht. [Q7]
Auch daraus darf nicht gemacht werden:
„Ein Kind, das früh nur Fußball spielt, wird zwangsläufig verletzt.“
Das wäre falsch.
Es handelt sich um Zusammenhänge auf Populationsebene.
Die Erkenntnisse geben Trainern und Eltern aber gute Gründe, den Grundsatz
„je früher, je spezieller und je mehr, desto besser“
kritisch zu hinterfragen.
Kinder können zusätzlich von vielfältigen Bewegungserfahrungen profitieren:
Fußball,
Turnen,
Schwimmen,
Leichtathletik,
Basketball,
Klettern,
Fangspiele,
freies Spielen.
Nicht jede Minute kindlicher Entwicklung benötigt einen Spezialtrainer.
9. Alle Kinder exakt gleich behandeln
Sollten Kinder nicht gleich behandelt werden?
Bei Respekt und Wertschätzung:
unbedingt.
Bei der Förderung:
nicht zwingend identisch.
Eine U10 kann Kinder enthalten, die sich erheblich unterscheiden hinsichtlich:
körperlicher Entwicklung,
Trainingserfahrung,
Koordination,
Technik,
Konzentration,
Selbstvertrauen,
Spielverständnis,
Persönlichkeit,
Lerngeschwindigkeit.
Dieselbe Aufgabe kann deshalb gleichzeitig:
für Kind A zu einfach,
für Kind B optimal,
für Kind C zu schwierig sein.
Gute Differenzierung bedeutet nicht, Kinder dauerhaft in „gut“ und „schlecht“ einzuteilen.
Sie bedeutet, Aufgaben so anzupassen, dass Kinder angemessen herausgefordert werden.
Beispielsweise über:
Feldgröße,
Über- oder Unterzahl,
Gegnerwahl,
unterschiedliche Aufgaben,
verschiedene Schwierigkeitsgrade.
Dabei sollte eines niemals vergessen werden:
Der heutige Leistungsstand eines Kindes ist keine sichere Prognose seines späteren Potenzials.
Gerade Forschung zu Talentidentifikation, Relative Age Effect und biologischer Reife zeigt, wie vorsichtig Momentaufnahmen interpretiert werden müssen. [Q5][Q6]
10. Zu früh Erwachsenen-Taktik vermitteln
Eine U8 steht vor der Taktiktafel.
„Unser Sechser kippt zwischen die Innenverteidiger. Der Außenverteidiger schiebt hoch. Der Achter besetzt den Halbraum.“
Kann man Kindern solche Dinge zeigen?
Natürlich.
Die bessere Frage lautet:
Ist das aktuell das Wichtigste, was diese Kinder lernen sollten?
Kinder müssen zunächst fundamentale Fußballprobleme lösen:
Wo ist freier Raum?
Wo steht mein Gegner?
Wo befindet sich mein Mitspieler?
Kann ich dribbeln?
Wann passe ich?
Wann schieße ich?
Wie löse ich ein Eins-gegen-eins?
Wie verteidige ich mein Tor?
Wie unterstütze ich einen Mitspieler?
Der DFB weist in seiner Kinderfußballkonzeption ebenfalls darauf hin, dass aus seiner Sicht teilweise zu früh taktische Inhalte in den Mittelpunkt gestellt wurden. [Q1]
Das bedeutet wiederum nicht:
Taktik ist im Kinderfußball verboten.
Fußball ist immer taktisch.
Schon die Entscheidung eines Siebenjährigen, einen freien Raum zu nutzen, ist taktisches Verhalten.
Der entscheidende Unterschied:
Vorgegebene Lösung
„Du musst dort stehen.“
gegen
Spielverständnis
„Wo könntest du stehen, damit dein Mitspieler dich anspielen kann?“
Bei der zweiten Variante muss das Kind das Problem verstehen.
11. Eltern werden zum zweiten Trainer
Trainer:
„Dribbel!“
Vater:
„Spiel ab!“
Mutter:
„Schieß!“
Mitspieler:
„Hier!“
Und irgendwo dazwischen steht ein neunjähriges Kind.
Eltern besitzen eine enorm wichtige Rolle.
Sie:
fahren zum Training,
begleiten Spiele,
kaufen Ausrüstung,
trösten,
motivieren,
organisieren,
ermöglichen überhaupt erst regelmäßigen Vereinssport.
Die richtige Schlussfolgerung lautet deshalb keinesfalls:
Eltern sollen sich aus dem Kinderfußball heraushalten.
Eine Literaturübersicht von Bonavolontà und Kollegen zeigt vielmehr, dass die Art der elterlichen Beteiligung entscheidend ist. Unterstützendes Verhalten kann mit positiven Sporterfahrungen verbunden sein, während unangemessener Druck problematisch sein kann. [Q8]
Die richtige Frage lautet deshalb:
Wie sollten Eltern beteiligt sein?
Unterstützen?
Ja.
Interesse zeigen?
Ja.
Anfeuern?
Natürlich.
Trösten?
Unbedingt.
Jede Spielsituation taktisch kommentieren?
Besser nicht.
Besonders schwierig wird es, wenn Eltern etwas anderes verlangen als der Trainer.
Und auch nach dem Spiel braucht ein Kind nicht zwangsläufig sofort eine Videoanalyse ohne Video.
„Warum hast du da nicht geschossen?“
„Warum hast du den Ball verloren?“
„Warum hast du heute so schlecht gespielt?“
Manchmal reicht eine einzige Frage:
„Hat es dir Spaß gemacht?“
Und wenn das Kind erzählen möchte:
zuhören.
12. Spaß und Leistungsentwicklung als Gegensätze betrachten
„Wir wollen Leistung. Es kann nicht immer nur Spaß machen.“
Dieser Satz erzeugt einen falschen Gegensatz.
Spaß bedeutet im Kinderfußball nicht:
keine Regeln.
keine Anstrengung.
kein Wettbewerb.
keine Herausforderungen.
keine Niederlagen.
Ein Kind kann großen Spaß daran haben,
sich komplett auszupowern,
einen stärkeren Gegner herauszufordern,
ein schwieriges Dribbling zu lernen,
nach zehn Versuchen endlich zu treffen,
ein enges Spiel zu gewinnen,
seine persönliche Bestleistung zu verbessern.
Freude und Anspruch schließen sich nicht aus.
Motivationsforschung im Nachwuchssport zeigt, dass Trainerverhalten mit der Qualität sportlicher Motivation zusammenhängt.
Eine Untersuchung mit Jugendfußballern von Sevil-Serrano und Kollegen fand positive Zusammenhänge zwischen autonomieunterstützendem Trainerverhalten, psychologischer Bedürfnisbefriedigung und sportlichem Commitment. Kontrollierendes Trainerverhalten war dagegen mit ungünstigeren motivationalen Prozessen verbunden. [Q9]
Auch Untersuchungen zum Dropout aus organisiertem Sport weisen darauf hin, dass Motivation eine relevante Rolle spielen kann. Sportabbrüche haben allerdings zahlreiche Ursachen und dürfen nicht auf einen einzelnen Faktor reduziert werden. [Q10]
Die Schlussfolgerung lautet deshalb nicht:
„Hauptsache Spaß.“
Sondern:
Gutes Kindertraining verbindet Freude mit Herausforderung, Lernen und Leistung.
Mythos oder Wahrheit?
„Im modernen Kinderfußball darf es nicht mehr ums Gewinnen gehen.“
Mythos.
Kinder dürfen gewinnen wollen.
Wettbewerb, Tore, Siege und Niederlagen gehören zum Fußball.
Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass Erwachsene nicht sämtliche Ausbildungsentscheidungen dem kurzfristigen Ergebnis unterordnen sollten. Auch die neuen DFB-Spielformen kennen Gewinner und Verlierer; gleichzeitig sollen Rahmenbedingungen wie kleinere Teams und Rotation die Beteiligung und individuelle Entwicklung stärken. [Q1]
Gewinnen wollen ist nicht das Problem.
Entwicklung für das Gewinnen zu opfern kann eines werden.
Horst Wein und der denkende Fußballer
Viele dieser Gedanken finden sich auch in der Arbeit des deutschen Trainers und Ausbilders Horst Wein wieder.
Seine Konzepte zur Entwicklung von Spielintelligenz stellen vereinfachte Spielsituationen, Wahrnehmung, Entscheidungsfindung und selbstständiges Problemlösen stark in den Mittelpunkt. [Q11]
Wissenschaftlich müssen wir dabei sauber unterscheiden:
Horst Weins Veröffentlichungen sind zunächst eine Trainings- und Expertenphilosophie.
Sie stellen nicht automatisch einen wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis für jede einzelne Aussage dar.
Interessant ist jedoch, dass mehrere Grundgedanken – kleine Spielformen, Entscheidungslernen und selbstständiges Problemlösen – auch in modernen Coachingansätzen, sportwissenschaftlichen Arbeiten und der aktuellen DFB-Trainingsphilosophie auftauchen. [Q1][Q3][Q4]
Selbsttest: Wie entwicklungsorientiert ist mein Kindertraining?
Beantworte zehn Fragen ehrlich mit Ja oder Nein.
1. Bekommen alle Kinder regelmäßig ausreichend Spielzeit?
2. Haben meine Spieler im Training sehr viele Ballaktionen?
3. Gibt es möglichst wenig unnötige Wartezeit?
4. Dürfen Kinder einen großen Teil ihrer Entscheidungen selbst treffen?
5. Dürfen sie mutige Lösungen ausprobieren und Fehler machen?
6. Lernen Kinder unterschiedliche Rollen und Spielsituationen kennen?
7. Nutze ich regelmäßig kleine Spielformen?
8. Stelle ich Fragen, statt immer sofort die Lösung vorzugeben?
9. Unterscheide ich zwischen aktueller Leistung und langfristigem Potenzial?
10. Gehen die meisten Kinder mit Lust auf die nächste Einheit nach Hause?
8–10 × Ja
Sehr gute Voraussetzungen für entwicklungsorientiertes Kindertraining.
5–7 × Ja
Eine gute Grundlage – einige Bereiche können möglicherweise verbessert werden.
0–4 × Ja
Es lohnt sich, Trainingsaufbau und Coaching grundsätzlich zu reflektieren.
Wichtig: Dieser Selbsttest ist kein wissenschaftlich validiertes Diagnoseinstrument. Er dient ausschließlich der Trainerreflexion.
Die 12 größten Fehler auf einen Blick
Häufiger Fehler
Entwicklungsorientierte Alternative
Ergebnis über Entwicklung
langfristige Entwicklung berücksichtigen
permanente Anweisungen
Kinder selbst wahrnehmen und entscheiden lassen
jeden Fehler kritisieren
Fehler verstehen und gezielt Feedback geben
lange Warteschlangen
hohe Aktivität und viele Aktionen
Schwächere spielen weniger
möglichst allen Kindern Lernzeit geben
frühe Positionsfixierung
verschiedene Rollen kennenlernen
Körperlichkeit = Talent
Alter und biologische Reife berücksichtigen
möglichst frühe Spezialisierung
vielseitige Bewegungserfahrungen
jedes Kind identisch fördern
sinnvoll differenzieren
Erwachsenen-Taktik kopieren
grundlegende Spielprobleme lösen lassen
Eltern als zweiter Trainer
Eltern als Unterstützer
Spaß gegen Leistung
Freude und Herausforderung verbinden
Häufig gestellte Fragen
Sollte im Kinderfußball das Ergebnis egal sein?
Nein. Kinder dürfen gewinnen wollen und Niederlagen enttäuschend finden. Problematisch wird es, wenn Erwachsene Ausbildung, Spielzeit und individuelle Entwicklung dauerhaft dem kurzfristigen Ergebnis unterordnen.
Sollten Kinder auf festen Positionen spielen?
Im frühen Kinderfußball sind vielseitige Erfahrungen sinnvoll. Kinder können verschiedene offensive und defensive Aufgaben kennenlernen. Mit zunehmendem Alter kann die Positionsspezialisierung schrittweise wachsen.
Wie viel sollte ein Kindertrainer während des Spiels coachen?
Es gibt dafür keine wissenschaftlich belegte optimale Anzahl an Zurufen. Grundsätzlich sollte Coaching Kindern helfen, ohne permanent ihre Entscheidungen vorwegzunehmen. Besonders wertvoll können Fragen und spätere Reflexionen sein.
Sind Fehler im Kinderfußball wichtig?
Fehler gehören zum Lernen. Entscheidend ist allerdings nicht, möglichst viele Fehler zu produzieren, sondern Kindern angemessene Herausforderungen zu bieten und Feedback sinnvoll einzusetzen.
Sind kleine Spielformen besser als große?
Für viele Ausbildungsziele bieten kleine Spielformen Vorteile, weil einzelne Kinder häufiger unmittelbar am Spiel beteiligt werden können. Welche Spielform optimal ist, hängt jedoch vom Trainingsziel, Alter, Leistungsstand und der Gestaltung ab. [Q3]
Ist Zusatztraining für Kinder schlecht?
Nein. Diese pauschale Aussage wäre falsch. Entscheidend sind unter anderem Gesamtbelastung, Erholung, Motivation, Trainingsqualität und Grad der Spezialisierung. Frühe intensive Spezialisierung sollte aufgrund der aktuellen Studienlage kritisch betrachtet werden. [Q7]
Wie erkennt man Talent im Kinderfußball?
Nicht anhand eines einzigen Merkmals. Technik, Wahrnehmung, Entscheidungsverhalten, Koordination, Lernfähigkeit, Motivation, Erfahrung und körperliche Entwicklung können die aktuelle Leistung beeinflussen. Besonders bei jungen Spielern sollte zwischen aktueller Leistung und langfristigem Potenzial unterschieden werden. [Q5][Q6]
Wie sollten Eltern ihr Kind nach einem Spiel unterstützen?
Interesse zeigen, zuhören und emotionale Unterstützung anbieten. Permanente taktische Analyse oder zusätzlicher Leistungsdruck sind nicht notwendig. Die Forschung spricht eher dafür, die Qualität der elterlichen Beteiligung zu betrachten als Beteiligung grundsätzlich als gut oder schlecht einzustufen. [Q8]
Fazit: Kinder müssen Fußball nicht perfekt können – sie sollen ihn lernen
Kinderfußball braucht Wettbewerb.
Kinderfußball darf ambitioniert sein.
Kinderfußball darf Leistung verlangen.
Kinderfußball braucht Regeln.
Aber diese Dinge sollten der Entwicklung des Kindes dienen – nicht umgekehrt.
Wir sollten deshalb weniger darüber nachdenken, wie Kinder möglichst früh wie fertige Fußballspieler funktionieren.
Die wichtigere Frage lautet:
Welche Erfahrungen benötigt dieses Kind heute, damit es sich morgen weiterentwickeln kann?
Dazu gehören:
Ballkontakte.
Bewegung.
Spielzeit.
Wahrnehmung.
Entscheidungen.
Herausforderungen.
Erfolge.
Niederlagen.
Eigenständigkeit.
Und natürlich auch Fehler.
Denn Kinder müssen Fußball noch nicht perfekt beherrschen.
Sie sollen ihn lernen.
Vielleicht liegt genau darin einer der wichtigsten Grundsätze des gesamten Kinderfußballs:
Das Spiel gehört den Kindern. Unsere Aufgabe als Erwachsene ist es, ihnen eine Umgebung zu schaffen, in der sie es entdecken können.
Quellen & weiterführende Literatur
[Q1] Deutscher Fußball-Bund – Kinderfußball und neue Spielformen
Offizielle Informationen des DFB zu Spielformen, Rotation, Spielzeit, Selbstständigkeit und der bundesweiten Reform des Kinderfußballs.
[Q2] Deutscher Fußball-Bund – Trainingsphilosophie Deutschland
DFB-Ausbildungskonzept mit den zentralen Qualitätsmerkmalen Freude, Intensität und Wiederholung.
[Q3] Fernández-Espínola et al. (2020)
Small-Sided Games as a Methodological Resource for Team Sports Teaching: A Systematic Review.
Systematische Übersichtsarbeit mit 47 eingeschlossenen Studien.
[Q4] Otte et al. (2020)
When and How to Provide Feedback and Instructions to Athletes?
Sportwissenschaftliche Arbeit zu Feedback, Instruktion und motorischem Lernen.
[Q5] Hill et al. (2020)
Relative age and maturation selection biases in academy football.
Untersuchung von 202 Akademiespielern der Altersklassen U9 bis U16 über acht Jahre.
[Q6] Güllich et al. (2024)
Effects of Early Talent Promotion on Junior and Senior Performance.
Wissenschaftliche Arbeit zu Talentförderung, Nachwuchsleistung und späterer Leistungsentwicklung.
[Q7] Luo et al. (2025)
Early Sport Specialization in a Pediatric Population.
Rapid Review von 93 Studien mit insgesamt 62.327 jungen Athleten.
[Q8] Bonavolontà et al. (2021)
The Role of Parental Involvement in Youth Sport Experience.
Literaturübersicht zur Rolle elterlicher Beteiligung im Nachwuchssport.
[Q9] Sevil-Serrano et al. (2021)
The Influence of the Coach's Autonomy Support and Controlling Behaviours on Motivation and Sport Commitment of Youth Soccer Players.
Studie zu Trainerverhalten, Motivation und Commitment bei Jugendfußballern.
[Q10] Back et al. (2022)
Psychosocial Predictors of Drop-Out from Organised Sport.
Untersuchung psychosozialer Faktoren, die mit dem Ausstieg aus organisiertem Sport zusammenhängen.
[Q11] Horst Wein – Developing Game Intelligence in Soccer
Trainings- und Expertenansatz zur Entwicklung von Wahrnehmung, Entscheidungsverhalten und Spielintelligenz.
[Q12] Deutscher Fußball-Bund – Fair bleiben, liebe Eltern!
DFB-Informationsmaterial zur Rolle von Eltern im Kinder- und Jugendfußball.


