
Der "Relative Age Effect" im Kinderfußball
Die Tatsache, dass relativ ältere Spieler eines Jahrganges im Vergleich zu relativ jüngeren desselben Jahrganges überrepräsentiert sind, ist ein allgegenwärtiges Phänomen im Fußballsport. Auch im Bereich des Kinderfußballs fällt auf, dass bevorzugt relativ ältere Spieler spielen. Diese Arbeit machte es sich zur Aufgabe, den relativen Alterseffekt im Kinderfußball genauer zu durchleuchten und zudem auch noch den Einfluss des biologischen Entwicklungsstandes auf den relativen Alterseffekt zu untersuchen.
Relative Age Effect (RAE) im Fußball – Wie der Geburtsmonat über Talentchancen mitentscheiden kann
Warum ein paar Monate im Kinderfußball eine Fußballkarriere beeinflussen können
Warum werden im Nachwuchsfußball so viele Spieler gefördert, die am Anfang des Jahres geboren wurden? Welche Rolle spielen biologische Reife und körperliche Entwicklung? Und warum schaffen es manche relativ jüngeren Spieler trotzdem bis in die Weltspitze?
Der Relative Age Effect (RAE) gehört zu den wissenschaftlich am besten dokumentierten Phänomenen der Talentförderung. Trotzdem wird seine Bedeutung im Fußball häufig unterschätzt oder falsch verstanden.
Dabei kann die Antwort auf eine scheinbar nebensächliche Frage ausgesprochen wichtig sein:
In welchem Monat wurde ein Fußballspieler geboren?
Mbappé, Benzema, Lahm, Hummels und Pedri: Weltstars aus den letzten Monaten des Jahres
Kylian Mbappé wurde am 20. Dezember 1998 geboren.
Karim Benzema am 19. Dezember 1987.
Mats Hummels am 16. Dezember 1988.
Philipp Lahm am 11. November 1983.
Pedri am 25. November 2002.
Fünf Spieler, die auf höchstem internationalem Niveau erfolgreich wurden.
Und fünf Spieler, deren Geburtstage in den letzten beiden Monaten des Kalenderjahres liegen.
Spieler Geburtsdatum Beispiel für sportlichen Erfolg
Kylian Mbappé 20.12.1998 Weltmeister 2018
Karim Benzema 19.12.1987 Ballon d’Or 2022
Mats Hummels 16.12.1988 Weltmeister 2014
Philipp Lahm 11.11.1983 Weltmeister 2014
Pedri 25.11.2002 Golden Boy 2021
Doch was haben diese Geburtstage mit Talentförderung zu tun?
In einem Nachwuchswettbewerb mit kalenderjährlicher Altersgrenze gehören November- und Dezember-Kinder zu den relativ jüngsten Spielern ihres Jahrgangs. Gegenüber einem im Januar geborenen Mitspieler kann ihr Altersnachteil nahezu zwölf Monate betragen. Im Kinder- und Jugendfußball kann dieser Unterschied relevant sein.
Allerdings müssen wir hier bereits die erste wissenschaftlich wichtige Einschränkung machen:
Die Geburtstage dieser fünf Profis beweisen nicht, dass sie selbst wegen des RAE benachteiligt wurden. Dafür müssten wir ihre konkreten Nachwuchsauswahlprozesse untersuchen. Zudem gelten nicht in jedem Land und zu jeder Zeit dieselben Altersstichtage.
Die Beispiele zeigen etwas anderes:
Auch Spieler, die spät im Kalenderjahr geboren wurden, können außergewöhnliche Fußballkarrieren erreichen.
Ob solche Spieler in ihrer Jugend gleich gute Chancen erhalten, ist dagegen eine Frage, mit der sich Sportwissenschaftler seit Jahrzehnten beschäftigen.
1. Was ist der Relative Age Effect?
Der Relative Age Effect, kurz RAE, beschreibt systematische Unterschiede in Beteiligung, Auswahl oder Leistung, die mit der relativen Altersposition innerhalb einer festgelegten Altersgruppe zusammenhängen.
Vereinfacht gesagt:
Wer innerhalb seines Auswahljahrgangs relativ alt ist, kann gegenüber relativ jüngeren Spielern einen altersbedingten Entwicklungsvorsprung besitzen. Wird bei der Talentauswahl aktuelle Leistungsfähigkeit mit langfristigem Potenzial verwechselt, können daraus Auswahlverzerrungen entstehen.
Beispiel: Ein Auswahljahrgang vom 1. Januar bis 31. Dezember
Geburtsquartal
Geburtsmonate
Relative Position
Q1 Januar–März - relativ älteste Gruppe
Q2 April–Juni - zweite Gruppe
Q3 Juli–September - dritte Gruppe
Q4 Oktober–Dezember - relativ jüngste Gruppe
Bei einem reinen Kalenderjahrgang gehört ein Anfang Januar geborenes Kind zu den ältesten, ein Ende Dezember geborenes zu den jüngsten Kindern. Bei Erwachsenen spielt dieser Unterschied meist kaum eine Rolle. Bei Kindern kann er jedoch relevant sein für körperliche Leistungsfähigkeit, Erfahrungen, bestimmte motorische Fähigkeiten und weitere Entwicklungsmerkmale. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass ein Januar-Kind individuell immer weiter entwickelt ist als ein Dezember-Kind. Es beschreibt zunächst einen systematischen Altersunterschied.
RAE entsteht nicht allein dadurch, dass Kinder unterschiedlich alt sind. Entscheidend ist, wie diese Unterschiede mit Auswahl- und Förderprozessen zusammenwirken.
2. Warum ist der Geburtsmonat im Fußball so wichtig?
Stellen wir uns zwei talentierte Zehnjährige vor. Beide trainieren regelmäßig und gehören derselben Altersklasse an. Spieler A wurde Anfang Januar geboren, Spieler B Ende Dezember. Spieler A hatte nahezu ein Jahr mehr Lebenszeit, in der er wachsen, Bewegungserfahrung sammeln und lernen konnte. In jungen Altersgruppen können daraus durchschnittliche Unterschiede entstehen. Vielleicht gewinnt Spieler A häufiger Laufduelle. Vielleicht ist seine Koordination aktuell weiter entwickelt. Vielleicht tritt er selbstbewusster auf. Vielleicht besitzt er mehr Spielerfahrung.
Ein Trainer sieht diese Unterschiede.
Was er nicht direkt sehen kann, ist, wie sich beide Spieler in fünf Jahren entwickeln werden. Damit entsteht ein Grundproblem jeder frühen Talentidentifikation:
Aktuelle Leistung ist messbar. Langfristiges Talentpotenzial muss unter Unsicherheit eingeschätzt werden.
Je früher Kinder für leistungsorientierte Förderprogramme ausgewählt werden, desto wichtiger wird diese Unterscheidung.
3. Was sagt die Wissenschaft? Der RAE ist kein Einzelfall
Relative Age Effects wurden in zahlreichen Sportarten und unterschiedlichen Ländern untersucht. Für den Fußball liegen inzwischen umfangreiche Studien und Metaanalysen vor. Eine 2023 veröffentlichte Metaanalyse untersuchte 563 unabhängige Stichproben aus 90 wissenschaftlichen Artikeln. Dabei zeigte sich, dass die Stärke des RAE unter anderem vom Alter und vom Leistungsniveau der Spieler abhängt. Besonders während der Jugendphase und bei ausgeprägter leistungsorientierter Selektion können deutliche Effekte auftreten. Es gibt allerdings nicht den einen RAE, der überall gleich stark ist. Ein Breitensportverein ohne Auswahlverfahren besitzt andere Bedingungen als ein Nachwuchsleistungszentrum. Eine U10 unterscheidet sich von einer U17. Und ein Auswahlprozess für eine regionale Fördermannschaft unterscheidet sich von der Talentselektion eines internationalen Spitzenvereins.
Die Forschung zeigt ein wiederkehrendes Muster. Die Größe des Effekts hängt aber stark vom jeweiligen Kontext ab.
Quelle: Metaanalyse 2023 – PubMed
4. Relative Age Effect im deutschen DFB-Talentförderprogramm
Eine besonders wichtige Studie für den deutschen Fußball stammt von Andreas Votteler und Oliver Höner. Die Forscher untersuchten Daten von 10.130 ausgewählten Spielern aus den Altersklassen U12 bis U15 im Talentförderprogramm des Deutschen Fußball-Bundes. Die Daten wurden im Herbst 2010 erhoben. Die Untersuchung wurde 2013 online und 2014 in der Fachzeitschrift European Journal of Sport Science veröffentlicht.
Das Ergebnis
Rund 61 Prozent der ausgewählten Spieler waren im ersten Halbjahr geboren.
Noch bemerkenswerter:
Die Auswahlwahrscheinlichkeit für Spieler aus Q1 war ungefähr doppelt so hoch wie für Spieler aus Q4. Die Forscher untersuchten außerdem unterschiedliche motorische Leistungen, darunter Sprint, Wendigkeit, Dribbling und Ballkontrolle beziehungsweise Passspiel. Nach Alterskorrekturen zeigten die relativ jüngeren ausgewählten Spieler in den überarbeiteten motorischen Bewertungen teilweise sogar bessere durchschnittliche Ergebnisse.
Besonders relevant ist ein weiterer Befund:
Bei stärker körperlich geprägten Tests fanden sich deutliche Einflüsse des relativen Alters. Bei stärker technisch geprägten Tests waren diese Einflüsse wesentlich geringer oder kaum vorhanden.
Was bedeutet das?
Ein relativ älterer Spieler kann durch altersbedingte Voraussetzungen bei körperlich anspruchsvollen Aufgaben Vorteile besitzen. Diese Vorteile müssen aber nicht gleichermaßen bei technischen Fähigkeiten auftreten. Für die Talentidentifikation ergibt sich daraus eine wichtige Konsequenz:
Wer hauptsächlich aktuelle körperliche Leistungsfähigkeit bewertet, riskiert, relative Altersvorteile mit Talent zu verwechseln.
Die Studie beweist nicht, dass jede einzelne Auswahlentscheidung falsch war. Sie zeigt aber, dass der Geburtszeitpunkt in diesem großen deutschen Fördersystem statistisch deutlich mit der Auswahl zusammenhing.
Quelle: Votteler & Höner (2014), The relative age effect in the German Football TID Programme.
5. Der RAE in der deutschen U17- und U19-Bundesliga
Auch neuere Untersuchungen zeigen deutliche Muster. Florian Heilmann, Alexander Kuhlig und Oliver Stoll veröffentlichten 2024 eine Studie zur Geburtsverteilung in den deutschen Nachwuchs-Bundesligen und der 3. Liga. Untersucht wurden Daten aus der Saison 2022/23. Die gesamte Studie umfasste 3.174 Spieler aus 120 Mannschaften. Besonders auffällig: die U17-Bundesliga Die Verteilung von 1.174 U17-Spielern sah so aus:
Geburtsquartal
Anteil
Q1 – Januar bis März 43,95 %
Q2 – April bis Juni 27,34 %
Q3 – Juli bis September 19,34 %
Q4 – Oktober bis Dezember 9,37 %
Das bedeutet:
71,29 Prozent der untersuchten U17-Spieler wurden im ersten Halbjahr geboren.
Dagegen stammten weniger als zehn Prozent aus dem letzten Quartal. Diese Verteilung unterschied sich signifikant von der in der Studie verwendeten Referenzverteilung. Auch in der U19 waren relativ ältere Spieler deutlich überrepräsentiert. Mit zunehmendem Alter beziehungsweise in der untersuchten 3. Liga fiel der Effekt insgesamt kleiner aus. Die Studie zeigte jedoch ebenfalls, dass das Muster nicht bei allen erwachsenen Spielergruppen vollständig verschwunden war.
Die entscheidende Frage
Wenn in einer leistungsorientierten U17 fast 44 Prozent der Spieler aus den ersten drei Monaten kommen, muss das kein Beweis für fehlerhaftes Scouting jedes einzelnen Spielers sein. Aber eine solche Verteilung sollte jeden Verantwortlichen veranlassen, sein Auswahlsystem kritisch zu prüfen.
Quelle: Heilmann, Kuhlig & Stoll (2024), Relative age effects in German youth A and B men's soccer teams: survival of the fittest?
6. Was zeigen Untersuchungen deutscher Nachwuchsleistungszentren?
2025 veröffentlichten Lukas Tohoff und Mario Mechtel eine wirtschaftswissenschaftliche Analyse deutscher Spitzen-Nachwuchsakademien.
Sie untersuchten Daten von 2.383 ehemaligen U19-Spielern aus 17 Bundesliga-Nachwuchsakademien.
Die Stichprobe umfasste Spieler der Geburtsjahrgänge 1988 bis 2001 und historische Akademiedaten aus dem Zeitraum 2002 bis 2020. Das ist wichtig: Die Studie ist 2025 erschienen, untersucht aber keine aktuelle U19-Spielergeneration des Jahres 2025.
Die Ergebnisse
71,5 Prozent der untersuchten ehemaligen U19-Akademiespieler waren im ersten Halbjahr geboren.
44,6 Prozent stammten allein aus dem ersten Quartal.
Das Muster war in allen 17 untersuchten Akademien erkennbar, wenn auch unterschiedlich stark. Die Forscher gingen noch einen Schritt weiter und untersuchten die späteren Marktwerte der ehemaligen Nachwuchsspieler. Unter den bereits ausgewählten Akademiespielern erreichten relativ jüngere Spieler im Durchschnitt höhere spätere Marktwerte. Die Autoren entwickelten darauf aufbauend ein Modell, nach dem ein weniger altersverzerrtes Auswahlverfahren möglicherweise erhebliche zusätzliche wirtschaftliche Werte hätte erschließen können.
Hier müssen wir besonders vorsichtig sein:
Diese modellierten wirtschaftlichen Vorteile sind keine experimentell nachgewiesenen Gewinne. Sie beruhen auf statistischen Annahmen. Trotzdem liefert die Studie einen interessanten Denkanstoß. Vielleicht verlieren Vereine durch frühe Auswahlverzerrungen nicht nur Talente. Möglicherweise verlieren sie dadurch langfristig auch sportliches und wirtschaftliches Potenzial.
7. Neue deutsche Forschung aus Oktober 2026: RAE und biologische Reife wirken unterschiedlich
Eine besonders aktuelle Untersuchung wurde am 2. Oktober 2026 veröffentlicht.
Johannes Jäger und Kollegen analysierten Daten von 176 männlichen Nachwuchsspielern der U12 bis U15 eines deutschen Profivereins-NLZ. Die Untersuchung betrachtete Auswahlentscheidungen über fünf Spielzeiten von 2020/21 bis 2024/25. Die Fragestellung war anders als bei vielen klassischen RAE-Studien: Nicht nur, wer bereits im NLZ spielt, sondern welche Faktoren mit dem Verbleib beim Übergang in die nächste Altersklasse zusammenhängen.
Das bemerkenswerte Ergebnis
In dieser untersuchten Akademie war das relative Alter kein statistisch signifikanter Prädiktor für die erneute Auswahl in die nächste Altersgruppe.
Die biologische Reife war dagegen bei bestimmten Übergängen signifikant mit der Auswahl verbunden:
U14 → U15: Odds Ratio 2,26
U15 → U16: Odds Ratio 1,95
Das bedeutet nicht, dass der RAE dort überhaupt keine Rolle spielte. Denn bereits vor dem Eintritt ins NLZ können relative Altersvorteile die ursprüngliche Auswahl beeinflusst haben. Die Studie liefert aber einen entscheidenden Hinweis:
Bei der ersten Talentidentifikation und bei späteren Auswahlentscheidungen innerhalb eines NLZ können unterschiedliche Entwicklungsfaktoren relevant sein.
Die Aussage „RAE erklärt sämtliche körperlichen Auswahlverzerrungen“ wäre deshalb falsch.
Ebenso falsch wäre:
„Weil in dieser Untersuchung relatives Alter nicht signifikant war, existiert RAE nicht.“
Genau diese wissenschaftliche Differenzierung macht den Unterschied zwischen einem gewöhnlichen Ratgeber und einer belastbaren Wissensquelle.
8. Relatives Alter ist nicht dasselbe wie biologisches Alter
Dieser Abschnitt gehört zu den wichtigsten des gesamten Artikels. Wir müssen vier Begriffe unterscheiden.
Chronologisches Alter - Wie lange lebt das Kind bereits?
Relatives Alter - Wie alt ist es im Verhältnis zu anderen Kindern desselben Auswahljahrgangs?
Biologische Reife - Wie weit ist seine körperliche Entwicklung fortgeschritten?
Trainingsalter - Wie viel Trainings- und Spielerfahrung hat es bereits gesammelt?
Diese Faktoren können zusammenhängen. Sie sind aber nicht identisch. Ein relativ junger Dezember-Spieler kann biologisch weit entwickelt sein. Ein relativ alter Januar-Spieler kann biologisch spät entwickelt sein. Die jüngste deutsche NLZ-Studie unterstreicht ausdrücklich diese Unterscheidung. Besonders während der Pubertät können individuelle Reifeunterschiede erheblich sein. Sportwissenschaftliche Veröffentlichungen beschreiben, dass sich Jugendliche gleichen chronologischen Alters in Extremfällen sogar um mehrere Jahre hinsichtlich ihrer Skelettreife unterscheiden können. Solche Extremwerte sind allerdings keine typischen Durchschnittsunterschiede, sondern verdeutlichen die mögliche Spannbreite. Deshalb wäre die Aussage „Zehnjährige sind biologisch immer ein oder zwei Jahre auseinander“ genauso unzutreffend wie die Annahme, alle Zehnjährigen seien körperlich auf demselben Stand.
9. Warum körperliche Entwicklung die Talentbeurteilung erschwert
Ein körperlich früher entwickelter Nachwuchsspieler kann zeitweise Vorteile besitzen.
Dazu gehören je nach Entwicklungsphase:
Körpergröße und Reichweite
Körpermasse
Muskelkraft
Sprint- und Beschleunigungsleistungen
körperliche Durchsetzungsfähigkeit
Diese Vorteile können auf dem Platz ausgesprochen auffällig sein. Ein körperlich dominanter Spieler gewinnt zahlreiche Zweikämpfe. Er kommt häufiger zum Torabschluss. Er setzt sich bei langen Bällen durch. Möglicherweise wirkt er dadurch wie der beste Spieler seiner Altersklasse. Aber was passiert, wenn andere Kinder körperlich aufholen? Bleiben seine technischen und taktischen Vorteile bestehen? Oder war ein erheblicher Teil seiner Dominanz entwicklungsbedingt? Das lässt sich nicht durch einen einzelnen Test beantworten. Scouts müssen deshalb Leistung im Entwicklungskontext beurteilen.
10. RAE und der Matthäus-Effekt: Wie sich Vorteile verstärken können
Stellen wir uns zwei ähnlich leistungsfähige Spieler vor.
Spieler A wird früh in ein leistungsorientiertes Förderprogramm aufgenommen.
Spieler B wird nicht ausgewählt.
Spieler A erhält anschließend möglicherweise: bessere Trainingsbedingungen, qualifizierte Trainer, leistungsstärkere Mitspieler und mehr anspruchsvolle Wettkampferfahrung.
Einige Jahre später kann er tatsächlich besser sein. Doch welche Ursache hat dieser Unterschied?
Besitzt er von Natur aus größere Voraussetzungen? Oder hat die frühere Auswahl seine Entwicklung zusätzlich gefördert? Hier wird häufig der sogenannte Matthäus-Effekt als theoretischer Erklärungsansatz diskutiert: Frühe Vorteile können durch zusätzliche Ressourcen und Chancen weiter verstärkt werden.
Der RAE und der Matthäus-Effekt sind jedoch unterschiedliche Konzepte. RAE beschreibt das Muster relativer Altersunterschiede. Der Matthäus-Effekt ist ein möglicher Mechanismus, durch den anfängliche Vorteile wachsen können.
11. Was sagen Experten über den Relative Age Effect?
Prof. Werner Helsen – jahrzehntelange Forschung zu RAE
Der Sportwissenschaftler Werner Helsen beschäftigt sich seit den 1990er-Jahren mit dem Relative Age Effect. In einer UEFA-Veröffentlichung aus November 2016 sagte er: “This is a big issue which is still underestimated” Helsen warnte dabei insbesondere vor dem Verlust möglicherweise talentierter Kinder durch altersbedingte Auswahlverzerrungen. Das ist eine wichtige Experteneinschätzung. Sie bedeutet nicht, dass jeder Nachwuchsabbruch nachweislich auf RAE zurückzuführen ist. Sie zeigt aber, warum dieses Problem bei der Talentförderung nicht ignoriert werden sollte. François Blaquart – früherer Technischer Direktor des französischen Verbandes Der damalige Technische Direktor des französischen Fußballverbandes äußerte sich in derselben UEFA-Veröffentlichung zur Unsicherheit früher Talentprognosen:
“It takes time for a player to blossom”
Sinngemäß: Ein Spieler benötigt Zeit, um sein Potenzial zu entfalten.
Blaquart berichtete außerdem von französischen Maßnahmen, bei denen relativ jüngere Spieler zusätzliche Sichtungsmöglichkeiten erhielten. Damit sollten Talente eine weitere Chance bekommen, die bei früheren Auswahlverfahren übersehen worden waren. Eine bemerkenswerte historische Verbindung zu Mbappé Die UEFA-Veröffentlichung beschreibt auch Frankreichs U19-Europameistermannschaft von 2016. In dieser Mannschaft spielten bereits jüngere Jahrgänge mit – darunter der 1998 geborene Kylian Mbappé in einer überwiegend aus Spielern des Jahrgangs 1997 bestehenden Auswahl.Das ist ein interessantes Beispiel dafür, wie die Förderung über Altersgrenzen hinweg gestaltet werden kann.
Es ist allerdings kein Nachweis einer persönlichen RAE-Benachteiligung Mbappés.
12. Werden relativ junge Spieler später häufiger Profis?
Hier begegnen wir einem der spannendsten Forschungsergebnisse. Eine Untersuchung von Skorski und Kollegen analysierte Daten von 495 deutschen Nachwuchsnationalspielern der U16 bis U21, die insgesamt 832 Datensätze lieferten. Wie bei RAE-Untersuchungen häufig, waren Q1-Spieler überrepräsentiert. Interessanterweise hatten die bereits ausgewählten Q4-Spieler in dieser Stichprobe eine höhere Wahrscheinlichkeit, später Profi zu werden, als Q1-Spieler.
Die berichtete Odds Ratio lag bei 3,04. Das klingt spektakulär. Es darf aber nicht falsch interpretiert werden. Die Studie bedeutet ausdrücklich nicht:
„Dezember-Kinder werden dreimal so häufig Profis.“
Denn untersucht wurden ausschließlich Spieler, die es bereits in deutsche Nachwuchsnationalmannschaften geschafft hatten. Das Ergebnis bezieht sich auf diese hochselektierte Gruppe. Eine 2024 veröffentlichte Untersuchung von 9.527 Nachwuchs- und A-Nationalspielern aus fünf großen europäischen Fußballnationen zeigte ebenfalls interessante Übergangsmuster. Relativ jüngere Spieler, die es bereits auf bestimmte Nachwuchsnationalmannschaftsebenen geschafft hatten, erreichten teilweise häufiger die A-Nationalmannschaft.Daraus entsteht eine mögliche Erklärung:
Vielleicht benötigen relativ jüngere Spieler, die trotz ihrer Nachteile ausgewählt werden, besonders ausgeprägte andere Fähigkeiten.
Aber auch das bleibt eine Hypothese. Hier spielt außerdem ein statistisches Problem mit hinein:
Wir sehen in solchen Studien nur diejenigen, die zuvor im Auswahlprozess geblieben sind.
Die möglicherweise zahlreichen relativ jungen Spieler, die vorher ausgeschieden sind, fehlen in diesen hochselektierten Stichproben. Dieses Problem wird als Survivorship Bias bezeichnet.
13. Der RAE im internationalen Profifußball – neue Daten aus 2026
Der RAE ist nicht ausschließlich ein deutsches Problem.
Eine im Oktober 2026 veröffentlichte Untersuchung von Thomas Ulrich Grund analysierte 49.578 männliche Profifußballer aus 44 nationalen Fußballsystemen. Die Spieler gehörten fünf Geburtskohorten von 1985 bis 2009 an. Die Untersuchung zeigte erhebliche Unterschiede zwischen Ländern. In manchen Fußballsystemen waren die Geburtsquartale relativ ausgeglichen. In anderen waren die Unterschiede ausgesprochen groß. Außerdem fand die Studie in jüngeren Geburtskohorten stärkere Ungleichgewichte als in älteren. Die Untersuchung beweist nicht, welcher einzelne Mechanismus diese Unterschiede verursacht.
Sie zeigt aber:
Der Relative Age Effect hängt nicht nur vom Geburtsmonat ab, sondern offenbar auch von den Strukturen und Rahmenbedingungen verschiedener Fußballsysteme.
Eine weitere 2026 veröffentlichte Analyse der fünf großen europäischen Männerligen über 25 Spielzeiten fand ebenfalls eine Überrepräsentation von Q1-Spielern.
Damit ist klar:
RAE ist nicht nur ein Thema von U10-Sichtungstagen. Seine Spuren können auch im Profifußball sichtbar bleiben.
14. Was ist Bio-Banding?
Bio-Banding ist ein Ansatz, bei dem Spieler zeitweise nach biologischem Entwicklungsstand statt ausschließlich nach chronologischem Alter gruppiert werden. Das Ziel besteht darin, den Einfluss unterschiedlicher körperlicher Reife auf Training und Wettkampf zu verändern. Ein früh entwickelter Spieler trifft dadurch möglicherweise häufiger auf körperlich ähnlich weit entwickelte Gegner. Seine bisherigen körperlichen Vorteile fallen weniger stark ins Gewicht.
Er muss verstärkt andere Lösungen finden.
Beispielsweise über:
Technik
Vororientierung
Positionierung
Spielverständnis
Entscheidungsverhalten
Ein spät entwickelter Spieler kann dagegen in einer körperlich besser vergleichbaren Gruppe neue Möglichkeiten erhalten, seine fußballerischen Fähigkeiten zu zeigen. Was sagt die Forschung? Eine Studie von Bradley und Kollegen untersuchte die Wahrnehmungen von 115 männlichen Nachwuchsspielern aus drei professionellen Akademien bei einem Bio-Banding-Turnier. Früh entwickelte Spieler empfanden größere körperliche und technische Herausforderungen. Spät entwickelte Spieler berichteten von mehr Möglichkeiten, technische und taktische Fähigkeiten einzusetzen. Die Studie untersuchte vor allem subjektive Wahrnehmungen. Sie beweist nicht, dass Bio-Banding automatisch langfristig bessere Fußballspieler hervorbringt. Die FIFA erläutert Bio-Banding ebenfalls als vielversprechende Ergänzung zum klassischen Jahrgangssystem. Prof. Sean Cumming betont dabei die Chancen, verweist aber gleichzeitig auf den Bedarf weiterer Forschung.
Bio-Banding ist deshalb ein zusätzliches Instrument – keine garantierte Lösung.
Und besonders wichtig:
Bio-Banding adressiert vor allem Unterschiede der biologischen Reife. Es beseitigt den RAE nicht automatisch.
15. Wie misst man biologische Reife?
Verschiedene Verfahren werden im Leistungssport eingesetzt.
Beispielsweise:
Skelettalter: medizinische Beurteilung der Knochenreife.
Prozent der geschätzten Erwachsenengröße: Vergleich der aktuellen Körpergröße mit einer prognostizierten Endgröße.
Maturity Offset beziehungsweise PHV-Schätzung: Abschätzung der zeitlichen Nähe zur Phase des stärksten pubertären Längenwachstums.
Alle Verfahren haben Voraussetzungen, Grenzen und Unsicherheiten. Nichtinvasive Schätzformeln können insbesondere bei einzelnen früh oder spät entwickelten Spielern ungenau sein. Daher sollte kein Trainer behaupten, er könne das biologische Alter eines Kindes mit einer einfachen Onlineformel exakt bestimmen. Ebenso wenig sollten medizinische Untersuchungen ohne klare fachliche Indikation oder angemessene Betreuung durchgeführt werden. Für Vereine ist ein fachkundiger, datenschutzsensibler Umgang mit solchen Informationen wichtig.
16. Was können NLZ und Scouts konkret gegen RAE tun?
Wissenschaftliche Erkenntnisse helfen nur, wenn sie in der Praxis berücksichtigt werden. Die folgenden Ansätze unterscheiden sich hinsichtlich ihrer empirischen Absicherung. Geburtsdaten beim Scouting sichtbar machen Scouts sollten nicht nur die Altersklasse, sondern auch das genaue Alter beziehungsweise die relative Altersposition kennen. Interessanterweise zeigte eine Untersuchung von Mann und van Ginneken aus dem Jahr 2017:
Die bloße Information über das Geburtsdatum beseitigte den Auswahlbias nicht automatisch.
Als die Trikotnummern jedoch nach relativem Alter vergeben und den Scouts entsprechend erklärt wurden, verschwand der beobachtete Auswahlbias unter den Studienbedingungen. Das ist ein bemerkenswerter Befund.
Denn er zeigt:
Nicht nur welche Informationen Scouts erhalten, sondern auch wie sie dargestellt werden, kann relevant sein.
Die Studie liefert einen konkreten Interventionsansatz, dessen Übertragbarkeit auf andere Sichtungssysteme weiter geprüft werden sollte.
Körperliche Leistungen alters- und reifebewusst interpretieren
Sprint-, Kraft- und Schnelligkeitswerte sollten nicht losgelöst vom Entwicklungsstand beurteilt werden.
Spieler über längere Zeit beobachten
Ein einzelnes Sichtungstraining ist eine begrenzte Momentaufnahme. Mehrere Beobachtungen können helfen, Tagesform und besondere Situationen besser einzuordnen. Technische und taktische Fähigkeiten gesondert erfassen. Wahrnehmung, Entscheidungsverhalten, Technik und Spiellösungen sollten nicht hinter körperlicher Dominanz verschwinden.
Spät entwickelte Spieler gezielt weiter fördern. Eine aktuell geringere Körpergröße darf allein kein Grund sein, einem Spieler langfristiges Potenzial abzusprechen.
Bio-Banding ergänzend erproben
Geeignet betreute und fachlich verantwortete Bio-Banding-Einheiten können zusätzliche Beobachtungssituationen schaffen. Die langfristige Wirksamkeit muss weiterhin wissenschaftlich bewertet werden. Auswahlentscheidungen dokumentieren und regelmäßig überprüfen Vereine können beispielsweise anonymisierte Geburtsquartalsverteilungen auswerten. Dabei sollten auch Bewerbergruppen und Referenzverteilungen betrachtet werden, nicht ausschließlich die bereits ausgewählten Spieler. Sonst besteht die Gefahr, statistische Muster falsch zu interpretieren.
17. Ein praktischer RAE-Check für jeden Kindertrainer
Auch im normalen Amateurverein kann ein Trainer sein eigenes Verhalten überprüfen.
Stelle dir folgende Fragen:
Kenne ich die Geburtsmonate meiner Spieler? Weiß ich, welche Kinder innerhalb ihres Jahrgangs relativ jung sind? Beurteile ich einen körperlich dominanten Spieler möglicherweise besonders positiv? Berücksichtige ich unterschiedliche körperliche Entwicklungsstände? Erhalten auch aktuell schwächere Kinder ausreichend Spielzeit? Beobachte ich neben körperlicher Leistung auch Wahrnehmung, Technik und Spielverständnis? Verändere ich meine Beurteilung, wenn ein Kind körperlich aufholt? Beobachte ich die Entwicklung über längere Zeit statt anhand einzelner Spiele? Vermeide ich es, Kinder früh dauerhaft als talentiert oder untalentiert einzuordnen? Gebe ich jedem Kind realistische Möglichkeiten, seine Fähigkeiten zu zeigen?
Diese Fragen sind kein wissenschaftlich validierter RAE-Test. Sie helfen jedoch, die eigene Wahrnehmung kritisch zu reflektieren. Denn Trainer benötigen nicht nur Fachwissen.
Sie müssen auch erkennen, welche Faktoren ihr Urteil unbewusst beeinflussen könnten.
18. Häufige Irrtümer über den Relative Age Effect
„Januar-Kinder sind automatisch talentierter.“
Falsch. RAE beschreibt eine statistische Verteilung und mögliche Auswahlverzerrungen, keine angeborene Talentüberlegenheit.
„Dezember-Kinder sind immer körperlich benachteiligt.“
Falsch. Relatives Alter und biologische Reife sind nicht identisch.
„Spätgeborene Kinder werden später die besseren Profis.“
Nicht allgemein belegt. Einige hochselektierte Stichproben zeigen interessante Übergangseffekte. Daraus folgt keine generelle Überlegenheit.
„RAE betrifft nur Nachwuchsleistungszentren.“
Nein. RAE kann in verschiedenen leistungs- und wettbewerbsorientierten Kontexten auftreten. Seine Stärke unterscheidet sich jedoch.
„Bio-Banding löst das gesamte Problem.“
Nein. Bio-Banding berücksichtigt biologische Reife und kann andere Entwicklungsreize schaffen. Es beseitigt nicht automatisch alle Auswahlverzerrungen.
„Wenn man den Geburtsmonat kennt, kann man Talent fair beurteilen.“
Nicht automatisch. Der Geburtsmonat ist nur ein zusätzlicher Kontextfaktor.
19. Was Eltern über den RAE wissen sollten
Für Eltern kann dieses Thema besonders relevant werden, wenn ihr Kind spät im Jahr geboren wurde, kleiner ist oder bei einer Sichtung nicht berücksichtigt wurde.
Die Forschung kann helfen, solche Situationen differenzierter zu betrachten.
Aber:
Nicht jede Nichtnominierung ist durch den Relative Age Effect verursacht.
Nicht jedes spät geborene Kind wurde benachteiligt.
Und nicht jeder früh geborene Spieler verdankt seine Auswahl einem Entwicklungsvorsprung.
Die wichtigste Erkenntnis für Eltern lautet:
Eine frühe Auswahl oder Nichtauswahl ist keine endgültige Aussage über das spätere Potenzial eines Kindes.
Kinder entwickeln sich unterschiedlich.
Manche machen früh große Fortschritte.
Andere entwickeln bestimmte Fähigkeiten später.
Einige verändern sich während der Pubertät erheblich.
Gerade deshalb benötigen Kinder ausreichend Zeit, angemessene Herausforderungen und möglichst gute Entwicklungsbedingungen.
20. Was die Forschung noch nicht abschließend beantworten kann
Obwohl der RAE seit Jahrzehnten untersucht wird, bleiben wichtige Fragen offen.
Welche Gegenmaßnahmen reduzieren langfristig tatsächlich die Auswahlverzerrung?
Wie sollten Bio-Banding und klassische Altersklassen kombiniert werden?
Welche Rolle spielen Trainererwartungen, Motivation und Selbstvertrauen im Einzelnen?
Wie unterscheiden sich Effekte zwischen Mädchen- und Jungenfußball?
Welche Maßnahmen helfen im Amateurfußball, und welche unter den besonderen Bedingungen eines NLZ?
Wie kann langfristiges Talentpotenzial zuverlässig eingeschätzt werden?
Ein großer Teil der Forschung stammt außerdem aus dem männlichen Leistungsfußball. Die Ergebnisse dürfen nicht automatisch unverändert auf sämtliche Kinder und Fußballumgebungen übertragen werden. Auch bei Mädchen und Frauen wurden Relative Age Effects untersucht. Eine Metaanalyse über verschiedene weibliche Sportkontexte fand im Durchschnitt einen kleinen, aber statistisch signifikanten Effekt. Die Stärke variierte jedoch nach Altersgruppe, Sportart und Leistungsniveau. Diese Grenzen offen zu benennen, ist kein Zeichen schwacher Forschung. Es ist die Voraussetzung dafür, die Forschung verantwortungsvoll anzuwenden.
Fazit: Talent besitzt keinen Geburtsmonat
Der Relative Age Effect zeigt uns, wie stark scheinbar kleine organisatorische Entscheidungen die Entwicklungschancen junger Sportler beeinflussen können.
Eine Altersgrenze schafft Ordnung.
Sie erzeugt aber gleichzeitig relative Altersunterschiede.
Wenn Scouts und Trainer diese Unterschiede nicht berücksichtigen, können Spieler mit vorübergehenden Entwicklungsvorteilen bevorzugt werden.
Andere Spieler erhalten möglicherweise weniger Förderung, obwohl ihr langfristiges Potenzial noch längst nicht ausgeschöpft ist.
Die Forschung zeigt außerdem:
Relatives Alter und biologische Reife sind zwei unterschiedliche Faktoren.
Beide können die Talententwicklung und Talentbeurteilung beeinflussen.
Es reicht deshalb nicht, ausschließlich auf den Geburtsmonat zu achten.
Genauso wenig reicht es, nur Körpergröße, Schnelligkeit oder aktuelle Leistung zu betrachten.
Talentförderung muss Entwicklung verstehen.
Das bedeutet:
Spieler über längere Zeiträume beobachten.
Unterschiedliche Entwicklungsstände berücksichtigen.
Körperliche Dominanz von technischen und taktischen Fähigkeiten unterscheiden.
Kinder nicht vorschnell aussortieren.
Und akzeptieren, dass niemand die Zukunft eines zehnjährigen Fußballers zuverlässig vorhersagen kann.
Vielleicht steht der beste Spieler eines Jahrgangs heute noch gar nicht im Mittelpunkt.
Vielleicht ist er kleiner.
Vielleicht körperlich weniger entwickelt.
Vielleicht wird er bei Sichtungen übersehen.
Vielleicht wurde er im November oder Dezember geboren.
Und vielleicht braucht er vor allem eines:
Zeit, um zu zeigen, was in ihm steckt.
Nicht der Geburtsmonat entscheidet, wie viel Talent ein Kind besitzt. Aber unser Umgang mit Alters- und Entwicklungsunterschieden kann beeinflussen, welche Chancen dieses Talent erhält.
Wissenschaftliche Quellen und weiterführende Literatur
[1] Votteler & Höner (2014) – The relative age effect in the German Football TID Programme.
Originalveröffentlichung
[2] Heilmann, Kuhlig & Stoll (2024) – Relative age effects in German youth A and B men's soccer teams.
Originalstudie
[3] Tohoff & Mechtel (2025) – Fading Shooting Stars—The Relative Age Effect, Ability, and Foregone Market Values in German Elite Youth Soccer.
Originalstudie
[4] Jäger et al. (2026) – The role of biological maturation and relative age in player selection during transition phases at a German youth football academy.
Originalstudie
[5] Grund (2026) – Cross-national and historical variation in relative age effects in professional football.
Originalstudie
[6] Skorski et al. (2016) – The Relative Age Effect in German Elite Youth Soccer: Implications for a Successful Career.
PubMed
[7] Brustio et al. (2024) – Career trajectories, transition rates, and birthdate distributions: the rocky road from youth to senior level in men's European football.
PubMed
[8] Mann & van Ginneken (2017) – Age-ordered shirt numbering reduces the selection bias associated with the relative age effect.
PubMed
[9] Bradley et al. (2019) – Bio-banding in academy football: players’ perceptions of a maturity matched tournament.
PubMed
[10] Towlson et al. (2023) – Soccer academy practitioners’ perceptions and application of bio-banding.
Originalstudie
[11] UEFA (2016) – The Technician: The Relative Age Effect. Mit Aussagen von Prof. Werner Helsen, François Blaquart und weiteren Verantwortlichen.
UEFA-Veröffentlichung, ab Seite 44
[12] FIFA Training Centre (2023) – Sean Cumming on bio-banding.
FIFA-Fachbeitrag
[13] Metaanalyse (2023) – The Relative Age Effect at Different Age Periods in Soccer.
PubMed
[14] Metaanalyse (2018) – Relative Age Effects Across and Within Female Sport Contexts.
PubMed
Die angegebenen Untersuchungen besitzen unterschiedliche Designs, Stichproben und Aussagegrenzen. Statistische Zusammenhänge, Experteneinschätzungen und experimentelle Ergebnisse dürfen nicht miteinander gleichgesetzt werden.





